Was Europas KI-Vorreiter Mistral nach Rekordkauf in Linz vorhat
Europas KI-Vorreiter Mistral übernimmt das Linzer KI-Start-up Emmi AI um mehr als 200 Mio. Euro. Was die Franzosen mit dem österreichischen Unternehmen vorhaben und wie Linz dadurch zu Österreichs KI-Hauptstadt werden könnte, erzählt Emmi AI-Chef Johannes Brandstetter im „Presse“-Gespräch.

22.05.2026 um 11:36 von David Freudenthaler Die Presse auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle hinzufügen.
Das Wettrennen um die leistungsfähigste künstliche Intelligenz (KI) wird zwischen dem US-amerikanischen Silicon Valley und der chinesischen Ostküste entschieden, so lautet ein gängiges Narrativ. Europa bleibe wieder einmal nur die Zuschauerrolle. Lieber mache man sich am alten Kontinent zuerst einmal Gedanken, wie sich die neue Technologie bestmöglich regulieren lasse. Eigene KI-Meilensteine entwickeln könne man danach ja immer noch.
Es stimmt schon, dass die großen KI-Labs in der kalifornischen Bay-Area bei den großen Sprachmodellen die Nase aktuell deutlich weiter vorn haben als die Europäer, dicht gefolgt von immer mehr aufstrebenden chinesischen KI-Firmen. Das liegt vor allem an den schier unerschöpflichen Quellen an Risikokapital, das wiederum die besten Köpfe anlockt und Innovation ankurbelt. Dass in den USA überhaupt so viel Geld in die Weiterentwicklung der Technologie samt teuren Rechenzentren und der dafür benötigten Energieversorgung fließt, liegt vor allem auch an gutem Storytelling. OpenAI, Anthropic und Google versprechen eine neue Welt von unvorstellbaren Effizienzgewinnen und medizinischen Durchbrüchen. Bewertungen und Aktienkurse der führenden KI-Unternehmen haben sich längst in astronomische Höhen verabschiedet (wie demnächst wohl auch Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX). Wer will da nicht an Bord sein?
Mistral legt mehr als 200 Mio. Euro für Linzer Start-up Emmi AI hin
In Europa werden derweil kleinere Brötchen gebacken. Zwar gibt es auch hier zuhauf kluge Köpfe, der zersplitterte europäische Kapitalmarkt behindert aber eine annähernd rasche Skalierung aufstrebender Start-ups, um mit den globalen Hyperscalern Schritt zu halten. Größter Hoffnungsträger ist der französische KI-Anbieter Mistral, mit einer Bewertung von knapp zwölf Milliarden Euro Europas wertvollstes KI-Unternehmen. Diese Woche ließ das Unternehmen mit einer spektakulären Meldung aufhorchen, die auch den KI-Standort Österreich in die internationalen Schlagzeilen spülte.
Mistral übernimmt das österreichische Start-up Emmi AI aus Linz. Offiziell wurde kein Kaufpreis genannt. Branchen-Insidern zufolge dürfte der Deal aber zu den größten Exits der österreichischen Startup-Geschichte zählen – und noch über der Adidas-Übernahme von Runtastic im Jahr 2015 für 220 Millionen Euro liegen. Mistral-Gründer und CEO Arthur Mensch schwärmt von der Linzer KI-Firma, die bereits 17 Monate nach ihrer Gründung zu den globalen Vorreitern im Bereich „Physics AI“ zählt – also KI-Modellen, die komplexe physikalische Prozesse simulieren. Die Übernahme festige Mistrals „Führungsposition im Bereich Industrial AI und positioniert uns als bevorzugten Partner für Hersteller in Hochrisiko-Branchen wie Luftfahrt, Automobilindustrie oder Halbleiter“, so Mensch in einer Aussendung.
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Die Übernahme ist für die Franzosen auch strategisch wichtig: Mistral versucht, sich vom Entwickler großer Sprachmodelle zu einem KI- und Infrastrukturkonzern weiterzuentwickeln. Erst im Februar kaufte das Unternehmen das französische Cloud-Start-up Koyeb, um seine Plattform „Mistral Compute“ auszubauen.
Mit Emmi AI dringt Mistral jetzt stärker in die Industrie vor – in einen Markt, in dem CEO Arthur Mensch „zentrale“ Wachstumschancen erkennt. „Wir glauben, dass KI in die physische Welt gebracht werden muss“, wurde der Mistral-Chef jüngst im „Handelsblatt“ zitiert. KI müsse „echten Return on Investment“ für produzierende Unternehmen liefern, Emmi AI sei an dieser Stelle genau der richtige Partner. Das Linzer Start-up entwickelt sogenannte Physics-AI-Modelle. Diese Systeme simulieren physikalische Prozesse wie Strömungen, Temperaturentwicklungen oder Materialverformungen, etwa bei Autos, Flugzeugen oder Halbleitern. Auch der Energietechnik-Konzern Siemens Energy zählt zu den Kunden des Start-ups.
„Simulation ist heute der Flaschenhals vieler Ingenieure“, sagt Johannes Brandstetter, Mitgründer und CEO von Emmi-AI im Gespräch mit der „Presse“. Industrielle Simulationen seien überhaupt „der größte Wirtschaftszweig der Welt“, so Brandstetter, der bis vor Kurzem an der JKU lehrte und bei Mistral künftig Vizepräsident für KI und Forschung sein wird. Die in Linz entwickelte Software würde industrielle Entwicklungszyklen radikal verkürzen. Bei einem neuen Auto seien etwa Hunderttausende virtuelle Crashsimulationen nötig, sagte er: „Das ist ein enormer Bottleneck für die Automobilindustrie.“
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Für das Linzer Deep-Tech-Start-up, das als Spin-off aus dem Umfeld der Johannes Kepler Universität (JKU) und der NXAI rund um den KI-Forscher Sepp Hochreiter gegründet wurde, ist die Übernahme freilich ein Meilenstein. Nicht einmal ein halbes Jahr nach der Gründung im Dezember 2024 sammelte Emmi AI vergangenes Frühjahr in einer Frühphasenfinanzierung 15 Millionen Euro ein. Es war die größte Seed-Finanzierung, die je in Österreich aufgestellt wurde – angeführt von der Wiener Risikokapitalgesellschaft 3VC, Speedinvest und dem französischen Venture-Kapitalgeber Serena. Nur rund ein Jahr später folgt nun der vielbeachtete Exit.
„Mir war immer klar, dass wir für den nächsten Schritt einen großen Partner mit den entsprechenden Computing-Ressourcen brauchen“, sagt Brandstetter zur „Presse“. Eine Akquisition war dabei gar nicht das primäre Ziel: Emmi AI befand sich seit Jänner in einem Series-A-Finanzierungsprozess, ein Term Sheet lag bereits auf dem Tisch. Im Zuge dieses Prozesses kamen jedoch Angebote von Mistral AI und weiteren führenden KI-Labs auf den Tisch, die das Bild veränderten.
„Ende Februar habe ich Arthur Mensch das erste Mal in Paris getroffen. Nach ein paar Stunden bin ich mit Gänsehaut aus dem Termin hinausgegangen“, erzählt Brandstetter. Zwei Wochen später wurden die ersten Verträge unterschrieben. Er hätte sich auch mit den führenden KI-Unternehmen aus dem Silicon Valley ausgetauscht. Schnell sei ihm aber klar gewesen, dass sein Start-up im Ökosystem der französischen Firma am besten aufgehen könne.
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Noch vor dem Sommer wird das am Standort Linz aktuell gerade einmal zwei Dutzend Entwickler zählende Team ein neues, deutlich größeres Mistral-Büro im Linzer Stadtzentrum beziehen. „Wir sind diese Woche in einer Mittagspause schon als gesamtes Team mit einem Leberkässemmerl in das neue Büro spaziert“, freut sich Brandstetter auf die neue Arbeitsstätte, an der künftig knapp 100 Entwickler arbeiten sollen.
Oberösterreichs Landeshauptstadt wird damit zu einem wichtigen europäischen Standort von Mistral AI. Auch die enge Kooperation mit der JKU bleibt bestehen und soll weiter ausgebaut werden. Bestehende Kundenbeziehungen zu deutschen Industriekonzernen werden unter dem Mistral-Dach fortgeführt. Die Marke Emmi AI wird mittelfristig allerdings verschwinden: Innerhalb des nächsten halben Jahres soll das Start-up als eigene Business-Unit im Mistral-Konzern aufgehen.
Auch die Politik freut sich über den Deal und die dadurch gewonnene internationale Aufmerksamkeit für den Forschungsstandort Linz. Dass sich mit Mistral nun Europas wichtigster KI-Entwickler in der Stahlstadt niederlässt, sei auch Folge richtungsweisender politischer Entscheidungen wie dem Bau der Digitaluniversität und einem generell frühen Forschungsfokus auf neue Technologien und Künstliche Intelligenz, betonen Landeshauptmann Thomas Stelzer und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (beide ÖVP).
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Tatsächlich sei Linz einer der wenigen Standorte in Europa, wo die Bedeutung für die technische Erforschung von KI-Anwendungen früh erkannt wurde, sagt auch Brandstetter. Auch der ebenfalls an der JKU lehrende KI-Forscher Sepp Hochreiter, der vor einigen Jahren mit einem selbst entwickelten Sprachmodell ebenfalls international für Furore gesorgt hatte, habe in den vergangenen Jahren „extrem viel technologisches Talent nach Linz gebracht“, so der Emmi-AI-Chef. Im Gegensatz zu ähnlich großen Städten hätte Linz tatsächlich ein „sehr gutes Forschungs-Ökosystem“ aufgebaut. Im Vergleich zu bekannten internationalen Vorzeige-Standorten wie München oder Zürich gäbe es aber „immer noch viel Aufholbedarf“ – gerade wenn es um Spin-offs geht, also Unternehmen, die aus dem universitären Umfeld hervorgehen.
Auf einen Blick
Das französische KI-Lab Mistralwächst rasant: Das im April 2023 gegründete Unternehmen beschäftigt mittlerweile mehr als 800 Mitarbeiter. Erst im September 2025 hatte Mistral in einer von ASML angeführten Series C 1,7 Milliarden Euro bei einer Bewertung von rund 11,7 Milliarden Euro aufgenommen.
Emmi AIhatte im vergangenen Jahr in einer Frühphasenfinanzierung 15 Millionen Euro eingesammelt – ein Rekord für ein österreichisches Start-up. Das junge Unternehmen zählt zu den globalen Vorreitern im Bereich „Physics AI“ – also KI-Modellen, die komplexe physikalische Prozesse simulieren.
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